Kaffee und Kuchen mit Frau B.

Letztendlich habe ich mich dazu gerungen folgende wahre Begebenheit als Artikel zu verfassen. Ich nenne die Hauptperson aus Diskretionsgründen „Frau B.“.

Istanbul. Mein Hang zum Kaffee treibt mich fast jede Mittagspause in das Einkaufszentrum neben unserer Fakultät in Üsküdar. Dort befindet sich der einzige „Tchibo-Laden“ in unserem Viertel und wahrscheinlich auch der beste Kaffee.

Vor allem in der Anfangszeit meines Studiums saß ich oft in den gut-gepolsterten, hellbraunen Sesseln dieses Cafés, las diverse Bücher und dachte nach. Irgendwie liebe ich den Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen und den Holzstuck an den Wänden. Es erinnert mich immer an Deutschland. Auch die Kassiererin weiß mittlerweile ganz genau welchen Kaffee und vor allem mit wie viel Zucker ich ihn trinke.

Ich bin wahrscheinlich in diesem Laden, das was man in der Branche „Stammgast“ nennt. Doch war ich mit Verlaub nicht der einzige Stammgast in diesem kleinen Café. Eine ältere Dame saß immer gegen Mittagszeit am rechten Rand der Sitzecke. Eine schmächtige Frau mit nach hinten gebundenen grauen Haaren. Sie saß stets in gebückter Haltung, starrte oftmals minutenlang auf die Fotografien der brasilianischen Plantagenfelder, die an der Wand gegenüber hingen. Ihr konzentrierter Blick durch die schmale Brille auf ihrer kleinen Nase war irgendwie unheimlich. Gewöhnlicherweise würde man um solche Leute einen Bogen machen. So auch ich.

Geschwind schnappte ich meinen Kaffee, drehte mich um und schaute wo es einen Platz zum Sitzen gab. Doch weit gefehlt. Es gab keinen Platz. Also nicht wirklich. Im Grunde gab es einen Platz. Da wollte ich aber nicht sitzen. Es war nämlich genau gegenüber von dieser alten Frau. „Mrs. Unheimlich“. Diese „Mrs. Ich starre stundelang konzentriert auf Fotografien und mache dabei einen leblosen Gesichtsausdruck“.

Während ich mir dachte „Pff nöh, da setzte ich mich nicht…“, winkte sie mir lächelnd zu und rief mit einen heiteren Stimme: „Hier mein Sohn, hier gibt es noch Platz. Komm schnell bevor er besetzt ist“. „Na toll!“, sagte meine innere Stimme. „Ibrahim, das wäre jetzt wirklich unhöflich, wenn du nicht zu ihr gehst. Setzt dich einfach hin, trink deinen Kaffe und verschwinde!“

So gehe ich an diesen Tisch. Ein kleiner Tisch. Sehr klein. Wir sitzen genau auf einer Augenhöhe. Mein Knie stößt ständig an ihres. Verschüchtert schaue ich nach links und rechts um ja keinen Augenkontakt mit ihr zu halten. Doch „Mrs. Gespenstisch“ macht das Gegenteil. Nun starrt sie nicht mehr auf die Fotografien sondern auf mich. Sie inspiziert ungeniert jede meiner Bewegungen.

„Woher kommst du? Wird sie gleich fragen“, male ich mir aus. „Was studierst du? Bla bla bla”. „So fangen doch alle Smalltalks an“, denke ich mir.

Wie auf Knopfdruck, als hätte sie meine Gedanken gelesen, fragt sie mich:

„Woher kommst du mein Sohn?“

„Deutschland.“, erwidere ich.

„Du kannst aber türkisch?“, stellt sie fest.

Ich: „Ja.“

„Und was machst du hier mein Sohn?“

Genau in diesem Moment hob ich meinen Kopf an und lenkte meinen Blick auf sie. Eine sehr peinliche Situation, denn sie hatte eine Frage gestellt und ich schaute sie nur an. Mir fiel auf, dass sie ein Haufen handgeschriebener Blätter vor sich liegen hatte. Ein einziges „Kritzel Kratzel“. In ihrer rechten Hand hob sie einen Bleistift. Ihre Fingerkuppen waren vom Blei geschwärzt. Vergebens versuchte ich zu entziffern, was sie geschrieben hatte. Indes wartet sie lächelnd und ganz geduldig auf meine Antwort.

„Ehm, Theologie“, sage ich verspätet.

Mit einem Grinsen nimmt sie eine aufrechte Position ein und schielt an mir vorbei und beginnt wieder auf die Fotografie an der Wand zu starren. Offensichtlich hat sie meine reservierte Haltung gespürt. Sie war sehr taktvoll und zuvorkommend. Doch ich war genau das Gegenteil. Schon fingen die Gewissensbisse an. Mit der Absicht die Situation aufzulockern fragte ich sie, was sie da schreibe und warum sie auf die Wand starre. Sie rückt etwas nach vorne und meint mit leiser Stimme: „Mein Sohn ich wollte dich nicht belästigen.“ Plötzlich strömt es aus mir raus: „Mein Name ist Ibrahim Aslandur. Ich trinke gerne Kaffe und bin deshalb sehr oft hier. Studiere gegenüber in der Theologischen Fakultät. Habe vier Geschwister. Mein Vater ist Physiker und meine Mutter Hausfrau…“ Im Nachhinein weiß ich nicht mehr wie lange und was genau ich ihr von meinem Leben alles berichtet hatte aber es war so eine kleine Übersicht meines Lebenslaufs. Angespornt von meiner Offenheit der alten Dame gegenüber strömt es auch aus ihr heraus. „Ich bin Frau B. Bin 66 Jahre alt. Eine pensionierte Ärztin. Ich bin die erste türkische Spezialistin im Bereich der Diabetes-Forschung. Habe eine geschiedene Tochter und einen Enkelsohn. Ich bin oft hier und betrachte die Menschen. Seit fünf Jahren bin ich Buchautorin und habe bis jetzt zwölf Bücher über Psychologie und Problematiken im Eheleben verfasst.“ Wir haben mindestens zwei Stunden gesprochen und uns ausgetauscht. Es ging um Medizin, Politik, Religion und die Liebe zur Literatur.

Die nächsten drei Monate sah ich sie fast täglich im Café. Wir saßen zusammen, tranken Kaffee und aßen Kuchen. Sie gab mir wertvolle Tipps wie ich mein Leben hier in Istanbul bestreiten könne. Sie saß fast täglich ab 13.00 Uhr in derselben Ecke und wartet auf mich. Immer wenn sich jemand Fremdes vor sie saß, teilte sie der fremden Person mit, dass ihr Neffe komme und der Platz besetzt sei. Sie hat mich wirklich sehr ins Herz geschlossen. Zugegeben ich sie auch.

Nach einiger Zeit fragte ich sie, ob ich sie Tante nennen darf. Darauf erwiderte sie verdutzt: „Siehst du in mir denn deine eigene Tante?“ Ich meinte: „Ja. Du bist für mich wie meine Tante.“ Als ich dies sagte, beginn sie an zu weinen. Nach dieser Aussage brach das Eis vollkommen. Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte. Diese alte Dame hatte eine sehr schwere Vergangenheit. Enttäuschungen und Trennungen führten dazu, dass sie 30 Jahre lang keine Freunde, kein Familienleben und kein soziales Umfeld hatte. Und nun kam ich und schaffte es zu ihr so ein starkes Vertrauen aufzubauen, sodass sie mir sogar ein Stipendium aus ihrer eignen Tasche anbot. Dankend lehnte ich ab. Heute denke ich, ich hätte das Angebot annehmen sollen. Nicht weil ich das Geld gebraucht hatte, sondern, weil das Ablehnen eine Kette von ungeahnten Ereignissen auslöste. Frau B. ist eine sehr sensible Person und möchte keinem Menschen auf die Nerven gehen. Sie findet schwer Zugang zu Menschen, wenn sie jedoch Zugang bekommt hängt sie sehr an dieser Person. So hat sie eine Schutzfunktion entwickelt. Sie löst sich von einem Menschen, wenn sie das Gefühl hat, die Person fühlt sich von ihrer Zuneigung und Offenheit erdrückt.

In unseren Gesprächen nahm sie stets handschriftliche Notizen. Sie notierte meine Aussagen, Zitate und Sichtweisen. Nach gut vier Monaten hatte sich ein Stapel Notizen angestaut. Sie merkte auch, dass ich immer weniger Zeit hatte und unsere Gesprächsthemen ausgingen. Betonend meinte sie immer öfter: „Ibrahim, wenn ich du nichts mehr möchtest musst du dich nicht zwingen einer alten Dame Gesellschaft zu leisten.“ Doch ging es nicht darum, dass ich nicht mehr den Austausch brauchte. Ganz im Gegenteil, die Tatsache eine Person zu haben, die man um Rat fragen kann und weit weg von der eigenen Familie die Mutterrolle einnahm, tat mir gut. Nur war ich in meinem Studium und meinen Aufgaben eingespannt und hatte folglich weniger Zeit. Dies machte sie höchstwahrscheinlich skeptisch. Das Ablehnen ihres Stipendium-Angebots, deutete sie dann als meine indirekte Aussage: „Ich brauche dich nicht mehr!“

Im letzten Treffen packte sie aus ihrem kleinen Stoffrucksack die Notizen aus, die sie stets führte und meinte: „Das sind all’ die Notizen. Wenn du sie haben willst gebe ich sie dir oder ich entsorge sie. Wenn du mir gestattest möchte ich mein nächstes Buch über dich schreiben. Als Grundlage dienen diese Notizen über dich.“ Grinsend nickte ich und fügte hinzu, dass sie meinen Namen nicht erwähnen solle aber ansonsten dürfe sie dies gerne verwenden. Dies war das letzte Treffen mit Frau B.

Meine Haltung diesen Menschen nach ihrem Äußeren zu bewerten war ziemlich bescheuert. So war diese Begebenheit eine wertvolle Lehre. Wer hätte gedacht, dass „Mrs. Unheimlich“ so eine reine Seele ist- so ein gutes Herz hat. Ihre ständige Motivation und Hilfeleistung hat dazu geführt, dass ich in der Anfangsphase meines Lebens fernab meiner Familie, Fuß fassen konnte.

Nun sind sechs Monate vergangen und der rechte Platz in der Ecke im kleinen Cafe ist seit jeher leer. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Vergebens habe ich sie versucht zu kontaktieren. Doch keine Chance. Wahrscheinlich ist sie wieder alleine und starrt stundenlang auf Fotografien.

 

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3 Kommentare zu “Kaffee und Kuchen mit Frau B.

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