Was machen Muslim:innen, die etwa 6 % der Bevölkerung in Deutschland ausmachen, in einem Land, das stark von christlichen Traditionen geprägt ist, an einem zentralen Fest wie Weihnachten? Eine Antwort vorweg: Die arbeitsfreien Tage nehmen Muslim:innen genauso dankend an, wie das mögliche Weihnachtsgeld!
Eines mag vielleicht überraschen: Die Geburt Jesu wird auch im Koran thematisiert – allerdings mit einem etwas anderen Fokus. Laut dem heiligen Buch der Muslime wurde Jesus nicht in einem Stall geboren, sondern unter einer Palme (Koran 19:21–22). Im Islam gilt er nicht als Sohn Gottes, sondern als einer seiner Propheten, der eine bedeutende Rolle in der Offenbarungsgeschichte spielt. Obwohl Muslim:innen an Jesus (arabisch: Isa) als Propheten glauben und ihn verehren, wird sein Geburtstag nicht gefeiert. Das hat weniger mit mangelnder Wertschätzung zu tun, sondern liegt vielmehr daran, dass Geburtstage in der muslimischen Tradition grundsätzlich keine Rolle spielen.
Die Frage „Feiert ihr eigentlich auch Weihnachten?“ hören viele Muslim:innen in Deutschland oft. Wer hier aufgewachsen ist, teilweise in christlichen Kindergärten oder Schulen, empfindet die Weihnachtszeit oft als eine besondere, besinnliche Zeit. Dennoch hat Weihnachten, wie es von Christen gefeiert wird, im islamischen Festkalender keinen Platz. Der Islam kennt nur zwei große Feste: das Opferfest, das im Rahmen der Pilgerfahrt nach Mekka gefeiert wird, und das Ramadanfest, das den Fastenmonat abschließt. Dennoch genießen viele Muslim:innen die entschleunigende Atmosphäre und die Möglichkeit, sich gegen Ende des Jahres auf Familie und Freunde zu konzentrieren. Schließlich haben auch muslimische Kinder Weihnachtsferien und freuen sich, wenn Eltern und Großeltern in dieser Zeit mehr Zeit für sie haben.
Eine interessante Verbindung zwischen Weihnachten und dem Islam findet sich jedoch in der Figur des Nikolaus, der im Türkischen als Noel Baba bekannt ist. Der Legende nach stammt der historische Nikolaus aus Myra, einer Region in der heutigen Türkei nahe Antalya. Verschiedene Sagen machen ihn zu einem der unzähligen anatolischen Weisen und Heiligen, die über die Jahrhunderte verehrt wurden. So findet diese Weihnachtsfigur auch in muslimischen Erzählungen ihren Platz – allerdings in einem anderen Kontext.
Auch wenn Muslime keine Tannenbäume aufstellen und den Heiligen Abend nicht als religiöses Fest feiern, wird die Weihnachtszeit oft als Phase der Besinnung wahrgenommen. Viele nutzen die freien Tage, um sich vom Alltag zu erholen, Zeit mit der Familie zu verbringen oder einfach die entspannte Stimmung zu genießen. Vielleicht denkt so mancher Muslim in diesen Tagen auch an Jesus, den Sohn Marias, dessen Geschichte im Islam eine bedeutende Rolle spielt.
Weihnachten mag für Muslim:innen kein religiöses Fest sein, doch die Botschaft von Besinnlichkeit und Gemeinschaft wird geschätzt – auf ganz eigene Weise.