Nun sitze ich vor der Tastatur und ich kann nicht anders…
Es ist schon zum Haare raufen! Eine ganze Generation muslimischer Europäer muss sich nach jedem Anschlag die Frage stellen: „Sind wir dieses Mal Täter oder Opfer?“. Denn scheinbar gibt es nur diese zwei Optionen: Entweder sind wir die Hassobjekte oder jene, von denen der Hass ausgeht. Und ich spreche zwar von „wir“, doch ich fühle mich – im Gegensatz zu den Opfern – den Tätern niemals nahe. Ich habe nicht im geringsten Verständnis für Terroristen und ihre perverse Legitimation für das Töten unschuldiger Menschen.
In der kranken Welt des Terroristen gilt die Kollektivschuld; jeder, der im Land der „Unterdrücker“ lebt ist einer von ihnen. Deshalb müsse man sie gesamtheitlich ablehnen und boykottieren. Es fehlt jegliche Differenzierung für politische Vorgänge, es fehlt die Analyse der Kausalitätskette, es fehlt an Selbstreflektion und es fehlen vor allem weitsichtige Lösungsvorschläge.
Und machen wir uns nichts vor: Die Zahl der gewaltbereiten Terroristen wird auch in den nächsten Jahren steigen. Denn die verbale Aufrüstung mit seiner gesamten Wucht hat in den letzten Jahren einen Quantensprung in Sachen Professionalität und Reichweite erlebt. Vor zehn Jahren waren rechtspopulistische Blogs, wie „PI-News“ noch die klare Außengrenze für den hasserfüllten und tendenziösen „Journalismus“. Wenn ich heute durch meine Facebook-Timeline scrolle, sehe ich kaum einen Unterschied mehr zu PI und ihren Fake-News.
Ganz verstärkt werden auch auf Regierungsebene politische Ziele auf Kosten religiöser Sentimentalitäten forciert. Sich als gläubiger Muslim, Christ oder Jude der Verlockung eines religiösen Heilsbringers zu entziehen bedarf sowohl Sachverstand als auch einer grundkritischen Haltung. Es scheint leichter zu sein, wenn ein „starker, kluger und charismatischer“ Leader einem das Denken abnimmt. Terror beginnt daher stets in unseren Köpfen.
Wir sollten verstanden haben, dass Jihadisten und Rechtsterroristen, nicht als verwirrte Einzelkämpfer agieren, sondern, dass dahinter eine durchdachte Strategie steckt. Vereinfacht lautet diese Strategie: Die Auflösung der sogenannten „grauen Zone“. Was steckt dahinter? Diese Strategie verwirklicht sich in drei Schritten: I) Abwarten, bis ein gewünschtes Politikum (im aktuellen Fall ist es der Fall Macron und die Karikaturen) entsteht. Dann wird dieses Politikum verbal und emotional aufheizen, sodass klare Fronten entstehen. II) Bevor sich das Politikum beruhigt, werden Anschläge geplant und durchgeführt. III) Nun wird darauf gesetzen, dass eine gewaltsame Gegenreaktion entsteht, damit die emotional-aufgeladenen Menschen in der „grauen Zone“ als letzten Ausweg in die Arme der Extremisten getrieben werden.
Heute, nach #Nizza und #Wien, stehen wir am letzten Punkt der Terror-Strategie. Was machen wir? Wie reagieren wir? Wie bewerten wir die Situation? „Daher ist unsere jetzige Reaktion sehr entscheidend!“, denke ich mir und lese wieder den gleichen sinnfreien Duktus auf social media. Ich mal fasse zusammen:
1. Gruppe: Die Apologetiker: Das sind die schnellsten von allen. Gleich nach der Bekanntgabe des Tätermotivs, distanzieren sie sich – wahlweise die gesamte Religion gleich mit – vom Geschehen. Die Vollprofis dieser Sparte klatschen dann irgendwelche „friedvollen“ Prophetenaussprüche und Koranzitate, die sie selbst nicht verstanden und auf die Schnelle gegoogelt haben, gleich dazu. An alle Hobby-Islamvertreter da draußen: Hört einfach auf damit!
2. Gruppe: Die Schuld-Detektive: Diese Zeitgenossen lassen sich etwas mehr Zeit, damit es so wirkt, als hätten sie sich tiefgründig mit der Materie beschäftigt. Dabei bedienen sie auch nur Schablonen. Entweder trägt der „Islam als Religion“ die Schuld, oder ein bestimmter „Staatschef“, oder die „Zionisten“, oder die „Medien“, oder die „westlichen Geheimdienste“…naja, open end halt, je nachdem wie kreativ die Person eben ist. Man erkennt Schuld-Detektive daran, dass sie die Ursache des Geschehens nur an einem, maximal zwei, Gründen pauschal festmachen. Die Vollprofis unter ihnen, meinen dann auch, sie haben es schon „immer gewusst“ und „schon damals“ vorhergesagt. Nichts als Einbildung!
3. Gruppe: Relativierer: Diese Gruppe fühlt sich nach der Bekanntgabe des Tätermotivs irgendwie ertappt und versucht die Tat zu relativieren. Sie weisen auf Statistiken und Opferzahlen hin und suggerieren, dass im Vergleich zu Verbrechen mit anderen Motiven diese spezielle Tat kaum zu beachten sei. Sie Umgehen die Benennung der konkreten Hintergründe der Tat. Und zu guter Schluss, jene die postulieren: „Wir leiden am Meisten unter den Anschlägen!“
Was alle drei Gruppen vereint: Sie tragen mit ihren Beiträgen weder zur Besserung der Situation bei noch zur sachgerechten Analyse des Problems bei. Sie denken in „Wir-Ihr-Kategorien“. Sie übersehen bewusst den Elefanten im Raum. Sie fühlen sich unsicher und bedroht. Sie stellen sich nicht den realen Konsequenzen, die uns alle erwartet.
Blicken wir zurück auf den dritten Punkt der Terror-Strategie, so ist das Fehlen einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Anschlägen und dem vorherigen Diskurs, der sie begünstigt hat, Wasser auf den Mühlen der Extremisten.
Zeit also Inne zu halten und nachzudenken.
Das ist eine sehr kluge Analyse. Wie du sagst, hilft nichts davon weiter. Ein wichtiger Weg ist das Kennenlernen. Dort merkt man, dass die anderen nicht anders sind als wir selber, also Brüder und Schwestern. Mit dem akzeotieren der anderen verschwindet die Fremdheit. Weier so.