März 2020. Wir erleben eine Krise. Die Existenz eines winzigen, geruchlosen, leisen und auf lebendem Gewebe gedeihenden Krankheitserregers legt das menschliche Leben auf dem Globus lahm. „Wer hätte das gedacht…?“, wollte ich nun fragen, doch diese Frage wäre absurd, denn eine Gefahr dieser Natur ist weder ungewöhnlich noch unerwartet. Historisch ist allenfalls die Tatsache, dass die Corona-Pandemie eine globale Herausforderung ist, die das Potenzial hat einen großen Teil der Menschenheit existenziell zu bedrohen. Bitte achtet auf meine Wortwahl: „Herausforderung!“, nicht „Weltuntergang“, nicht „Strafe Gottes“, nicht „das Zeichen des Armageddon“ oder ähnliche Hirngespinste, die sich verzweifelte Seelen mit einer mittelstarken sozialen Reichweite in ihrer – von der Realität abgeschirmten – Isolation zusammengebastelt haben. Der Mainstream nennt sie Verschwörungstheoretiker oder religiöse Demagogen, ich nenne sie hier einmal „dysfunktionale Agitatoren“ (doch privat nenne ich sie einfach nur „Spinner“.) Solche Randerscheinungen sind wahrlich bemitleidenswerte Geschöpfe. Im politischen Milieu vermuten sie hinter jedem nationalen oder globalen Stresstest eine mächtige Geheimorganisation, die das alles inszeniert habe. Sie überschätzen ihre eigene Auffassungsgabe dermaßen, dass sie gar nicht merken wie absurd ihre Gedankengänge sind. Alleine ihre Grundhaltung, alles sei in „Wirklichkeit“ anders als die Mehrheit es meine, offenbart ihre unübertroffene Arroganz. Sie seien der Mehrheit immer einen – oder mehrere Schritte – voraus. Während sich die Mehrheit – sprich Du und Ich – sich auf das Lächerlichste hinters Licht führen lassen, hätten sie schon längst hinter die Kulissen der geheimen Machenschaften geblickt und könnten daher von einer Metaebene alle politische und gesellschaftliche Ereignisse betrachten.
Eine Subkategorie des Aluhut-Trägers ist jener religiöse Prediger (der leider in muslimischen Kreisen allzu schnell zu einem Gelehrten erhoben wird) der geansusowenig Sachverstand besitzt, noch die Relität akzeptieren will. Er mißbraucht seine „Position als Gelehrter“ und suggeriert den Gläubigen er habe die Wahrheit durch die göttliche Schrift verstanden. Wobei „verstehen“ bei solchen Leuten nicht bedeutet, dass sie den Sinn und die Zusammenhänge erfasst haben, sondern dass sie aufgrund des angestauten Wuts über die Menschheit, ebendieser Menschheit endlich eine schwere Strafe Gottes anhängen können. Das Motiv dieser Demagogen ist die Empörung und die tiefe Verzweiflung. Beide Gruppen der dysfunktionale Agitatoren sind Seiten derselben Medaille. Sie sind überforderte Menschen, voller Zweifel und ohne Visionen, permanent auf der Suche nach den Zeichen des Weltuntergangs; ja, sie sind scharf auf den großen Knall, den endgültigen Kampf, den Systemsturz.
Stellt sich die Frage: Wo will man bei so einem verstockten Aluhutträger einhaken? Wie kann man ihm oder ihr den Ernst der Lage vermitteln, wenn die Realität grundlegend angezweifelt wird? Die Antwort ist simpel. Sie lautet: Gar nicht!
Selbstverständlich könnte ich als ausgebildeter Theologe eine Liste von Argumenten anführen, warum das Covid-19 keine Strafe Gottes ist. Doch so eine Liste würde das Problem nur auf die nächste Krise verschieben. Wir müssen eine andere Strategie fahren, die dazu führt, dass Menschen gewissermaßen immun gegen die Weltuntergangsszenarien und Verschwörungstheorien der dysfunktionale Agitatoren werden.
Werfen wir wieder ein Blick auf das Corona-Virus: Ausgewiesene Experten wissen, dass das Virus nicht aus der Welt zu schaffen ist. Die Regierung kann aber mindestens drei Maßnahmen einleiten: Erstens, die Risikogruppen schützen. Zweitens, die Ausbreitung verlangsamen und drittens, den Prozess der Immunität einleiten. Bemerkenswert, oder? Der Virus ist da und jeder weiß er wird auch bleiben. Wir können ihn nicht aus der Welt schaffen, aber wir können ihm den Wirkungsraum entziehen! Übertragen wir diese Vorgehensweisen auf den Wirkungsraum der dysfunktionale Agitatoren, bedeutet das: Erstens Risikogruppen besonders betreuen. Dafür benötigen wir jeden einzelnen: Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer, Trainer, Influencer, Prediger usw. Diese müssen aufmerksam sein, ob ihre Aussagen und Weltsichten womöglich einen Nährboden für dysfunktionale Agitatoren schaffen und sofort einlenken, wenn sich jemand in der unmittelbaren Umgebung in eine Randgruppe bewegt. Diesen Risikogruppen muss besonders geholfen werden. Zweitens: Ausbreitung des Gedankenguts eindämmen. Hier sind die Funktionsträger, politische Akteure und andere Verantwortungsträger gefragt. Die Resonanzräume der dysfunktionalen Agitatoren muss maximal eingedämmt werden. Konkret bedeutet das: Hört auf den Mist zu teilen, zu diskutieren oder gar diese Menschen auf eure Podien und Vorträge einzuladen. Entzieht ihnen alle Plattformen! Drittens: Immunität aufbauen. Hier sind die Public Intellectuals und andere Gedankengeber gefragt. Die Immunität gegen das Corona-Virus entwickeln zuerst die jungen und gesunden Menschen, ähnlich ist es auch in unserem Fall. Die gelungene Ausbildung zum kritischen Denken ist die Immunität gegen dysfunktionale Agitatoren. Kritisches Denken, bezeichnet vernünftiges reflektierendes Denken. Es ist das Denken an den methodischen Kriterien der Wissenschaft.
Wir können weder Verschwörungs- und Weltuntergangsfantasien, noch dysfunktionale Agitatoren aus der Welt schaffen. Wir können ihre Ausbreitung eindämmen und Mitmenschen immun machen, sodass ihre Existenz keine Bedrohung mehr darstellt.
Sehr guter Text. Danke 😁