Umbruch! Eindrücke aus den Autorenlesungen

Doha. Zugegeben habe ich mittlerweile den Überblick verloren, wie viele Kilometer ich in meinen Semesterferien in Deutschland hinter mich gebracht habe und auch wie viele Autorenlesungen, Vorträge und andere Begegnungen ich mit Menschen in der ganzen Bundesrepublik hatte. Die Anzahl spielt auch keine Rolle, interessanter sind dagegen die einmaligen Eindrücke, die ich bekommen konnte …

Menschen, so scheint es mir, sind die einzigen Lebewesen auf der Erde, die über ihren Ursprung fragen und darüber, wie sie wurden, was sie sind. Wir könnten diese Leistung als unsere Besonderheit verbuchen, als Zeichen unserer Einzigartigkeit. Umso wichtiger ist es diese Frage nach bestem Wissen und Gewissen zu ergründen und trotzdem eine Offenheit für Anpassungen und Veränderungen unseres Narrativs zu gewährleisten, um nicht mit einer endgültigen Antwort auf die Schöpfungsgeschichte den neugierigen Forschungsdrang, den die Ursprungsfrage mit sich bringt, im Keim zu ersticken. Wenn man so will ist ebendieser Gedanke einer der wichtigsten Thesen in meinem Buch und logischerweise auch die Zielsetzung meiner Lesungen.

Die kurzen Ausführungen im Buch sind so angesetzt, dass die „festgefrorenen“ Dogmen auf dem Feld der Schöpfungsgeschichte unter Muslimen langsam zum schmelzen beginnen und sowohl Raum schaffen für neue Erkenntnisse, als auch Neugier wecken dieses Feld naturwissenschaftlich zu beleuchten. Das Buch soll das Narrativ der Schöpfungsgeschichte der islamischen Ideengeschichte analysieren, kritisieren und zum Nachdenken provozieren. Daher wirkt das Buch samt der Lesungen für viele, die sich damit auseinandergesetzt haben, kontrovers; für andere wiederum als ein notwendiger „Schritt nach vorne“. Wieder andere sind der Schöpfungsgeschichte gegenüber so gleichgültig gestimmt, dass es für mich wirklich sehr schwer war einen Ansatz zu finden, um das Thema schmackhaft zu machen. Daher reichen die Reaktionen von trotziger Ablehnung über Zuspruch bis hin zur bloßen Registrierung, dass Ibrahim „irgendein Buch über Adam und Eva“ geschrieben hat.

Mir war und ist es nach wie vor sehr wichtig, dass sich Muslime des öffentlichen Lebens – also Akademiker, Public Intellectuals und andere wichtige Impulsgeber – unter die Grasroot- Gemeinden mischen, dort Präsenz zeigen, greifbar sind und dem Otto Normalmuslim ein offenes Ohr schenken. Ja, das ist (manchmal) der mühsamere Weg – von der Basis aufwärts zu gehen –, aber er ist notwendig. Der Querschnitt unserer Gemeinden offenbaren ein marodes Bild . Die Jugendarbeit ist eine reine Flickschusterei ohne durchdachte Konzepte. Jene klugen Köpfe, die Konzepte erstellen könnten, resignieren am Widerstand oder Desinteresse einiger Gemeindemitglieder. Sie verlassen die Basisarbeit und verlieren sich in der Jugendkultur des „Muslim-Aktivismus“. Auch wenn dieser Schritt – in einigen Fällen aufgrund der erlebten Enttäuschungen – nachvollziehbar scheint, so ist er der falsche! Das Abfließen dieser jungen Denker lässt das Niveau in den Gemeinden sinken. Unsere lokalen Gemeinden sind zu Orten der intellektuellen Unterforderung verkommen, die wir versuchen mit Ressourcen außerhalb unserer Gemeinden zu heben. Warum haben wir uns daran in den letzten Jahren nicht gestört? Warum ist der „Hoca” einer Moschee das Sinnbild eines „naiven Gläubigen“, der den Menschen lediglich eine Ansammlung von Sagen und Mythen anzubieten hat und im Idealfall den ahnungslosen Gläubigen mit seinen gut gemeinten aber schlecht recherchierten Predigten zum Weinen bringt. Auch mir treiben diese Muslime die Tränen in die Augen, wenn ich mir das Ausmaß an Verwirrung ausmale, das sie in die muslimische Kerngemeinde bringen – nicht nur intellektuell, sondern auch spirituell. Es ist nur konsequent zu fordern: Wir müssen Umbrüche erzwingen! Mit „wir“ meine ich, wir jungen, denkenden, in Deutschland verwurzelten, europäischen Muslime. Der Umbruch geht nur durch den Generationenwechsel! Und auch nur, wenn die kommende Generation sich mit aller Vehemenz dagegen wehrt eine schlecht kopierte Attrappe der Ewiggestrigen zu werden und mit der Gutgläubigkeit bricht, dass man mit seinen Anliegen nur dann Gehör bekomme, wenn man sich den maroden Strukturen füge – das bekannte Resultat ist die früher oder später einsetzende Resignation.

Keine ethnisch orientierte Kulturromantik, sondern auf Deutschland angepasste Konzepte für muslimisches Leben! Keine Priorität für Millioneninvestitionen in verschnörkelte Moscheearchitektur, sondern Investitionen in Architekten, die das Mindset der Muslime renovieren!

Doch Lichtblicke bleiben: Die Gespräche und Autorenlesungen haben mir ein deutliches Gefälle zwischen älterer Generation und jüngerer Generation gezeigt. In einer der Lesungen hat ein arabisch-stämmiger Vater mit einer feurigen Ansprache mir deutlich machen wollen, dass die Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen und den drei questio cardinalis: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? – und somit auch das Buch samt der Lesung – irrelevant für den „Īmān“(arab. für Glaube/Überzeugung) sei und daher absolut nichtig. Aus dem Publikum meldete sich eine junge muslimische Studentin und widersprach ihm so gekonnt, dass ich nichts mehr zu ihrem Kontra zu sagen hatte – außer: „Besser hätt’ ich es nicht ausdrücken können.“ Die Diskussion zwischen diesen zwei Zuhörern ging noch eine ganze Weile. Nach der Lesung stellte der temperamentvolle Bruder die Studentin vor: „Das ist übrigens meine Tochter.“

Auch erkenne ich, dass Muslime, die in Deutschland sozialisiert wurden – vor allem deutsche Konvertiten – in den meisten Fällen mit deutlich höherer Sachlichkeit mit Kontroversen umgehen, als Menschen, die womöglich in einer Kultur des Kadavergehorsams aufgewachsen sind.

Aber in allen Fällen der Ablehnung neuer Gedanken ist die Angst vor dem Verlust der „wahren Religion“ zu erkennen. Es ist der hartnäckige Mythos vom einen „einzigen, wahren, reinen, unverfälschten“ Islamverständnis, der sich ohne Umwege direkt zum Munde des Propheten Muhammad (s) zurückführen lasse. Und diesen gelte es zu bewahren. Zu schützen. Weiter zu tragen. Zu verteidigen. Mit allen Mitteln. Eben dies nennt man „Orthodoxie“, also „die Wahrung richtigen Lehrmeinung“. Wenn die „Wahrung der richtigen Lehrmeinung“ uns daran hindert kritisch nachzudenken, so bedeutet Orthodoxie die Wahrung des Status quo und ist ein Klotz an unseren Beinen, der uns daran hindert voranzuschreiten.

Nun, wo ich Deutschland wieder für einige Monate verlasse – um mein Studium in Doha wieder aufzunehmen – habe ich etwas Zeit in der Isoliertheit der katarischen Halbinsel meine zukünftigen Schritte konkret zu planen. In diese Planung werde ich all jene wundervollen, klugen und motivierten Menschen einbinden, die ich auf den Lesungen kennengelernt habe.

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