950 Übergriffe gegen Muslime im letzten Jahr. Moscheen brennen. Eine offen fremdenfeindliche und islamophobe Partei zieht als drittstärkste Kraft in den Bundestag und besetzt politische Ämter auf der Lokal- und Landesebene. Die konservativen Parteien ziehen rechts nach. Die Atmosphäre ist vergiftet.
Wenn ich dieses Bild vor zehn Jahren prognostiziert hätte, so gäbe es maximal ein ungläubiges Lächeln und eine Reaktion à la: „Wir sind eine aufgeklärte Nation. So schnell verfallen wir nicht in die gesellschaftliche Barbarei.“
Doch weit gefehlt! Die Werte des Humanismus und das hochgelobte Prinzip der Nächstenliebe stehen – leider auch in unserem Land – auf dünnem Eis, das jeden Moment in eine national-identitäre Haltung wegbrechen kann. Diese Tatsache ist uns heute bewusster als vor einigen Jahren. Zugegeben haben viele hierzulande diese drohende Gefahr gewaltig unterschätzt.
Die Krux an der Sache: Einmal abgeschottet, spielen Fakten keine Rolle mehr. Man stumpft ab. Man relativiert. Man pauschalisiert. Wir. Ihr. Gut. Böse. Entweder. Oder.
Sind die Fäuste erst einmal geballt, fehlt nur noch wenig bis zum ersten Schlag.
Wir müssen handeln!
Was nun?
Vorab: Blinder Aktionismus hilft nicht! Konkret: Hymnen singen, Märsche trällern, Fahnen schwenken, um somit Stärke und Geschlossenheit vorzutäuschen – oder technisch und inhaltlich semiprofessionelle Videos auf „Youtube“ hochzuladen, die über den „Islam aufklären sollen“ und Einmal-Protest-Aktionen, sollten langsam der Vergangenheit angehören. Zumindest sollten sie nicht als substanzieller Lösungsvorschlag betrachtet werden.
Hartnäckig hält sich die Annahme, der Muslimfeindlichkeit könne mit einer informativen Aufklärung über „den Islam“ gänzlich entgegnet werden. Diese Denkweise ist so naiv, wie falsch.
Aus der Vogelperspektive betrachtet, sehen wir uns in einer kritischen Phase der Globalisierung. Der kulturelle Austausch, der Menschenzustrom, die Aufhebung der nationalen Währung und der Ländergrenzen – ja sogar der Italiener, Chinese, Türke und Grieche um die Ecke…all dies gab es in dieser Form und Ausprägung zuvor noch nicht. Wie feiner Sand gleitet die eigene Identität durch die Finger. Für eine immer größer werdende Menschengruppe ist dies ein ernsthaftes Problem. Identität bedeutet Gewissheit und Halt. Haltlosigkeit macht Angst. Angst führt zu Abschottung und Abschottung – in der extremsten Ausprägung – zu Fremdenfeindlichkeit.
Wir können zwar den globalen Zug nicht aufhalten, denn das würde bedeuten, dass wir sowohl den Buchdruck, das Internet und den Außenhandel einstellen müssten, um eine genuine Identität ohne „Fremdeinflüsse“ herzustellen. Was wir aber durchaus herstellen können ist eine Vertrauensatmosphäre zwischen dem „Ich“ und dem „Gegenüber“.
Das gelingt nicht durch bloßen informativen Austausch, Tweets und Shares, sondern in erster Linie durch soziale Interaktion. Auf individueller Ebene bedeutet das mit den eigenen Nachbarn, Arbeitskollegen, Klassenkameraden und Kommilitonen einen offenen, respektvollen und aufrichtigen Austausch zu beginnen und weiterzuführen. Auf institutioneller Ebene würde das heißen: Muslime warten nicht, bis sich jemand in die eigene Hinterhofmoschee verirrt, sondern besuchen proaktiv die lokalen Kirchen, Synagogen und andere Gotteshäuser. Sie suchen den Kontakt zu sozialen und politischen Einrichtungen.
So wird die schädliche Blase, die „uns“ von den „Anderen“ trennt, zerstört. Es entsteht Empathie, vielleicht sogar ganz offene Sympathie füreinander. Dieser Weg ist alternativlos. Daher sollten wir am besten heute damit beginnen!
