„Manche Menschen verkörpern Gegensätze!“, denke ich mir, als ich am Kapitalismus-Café (offiziell geführt unter dem Namen Starbucks) zwei junge Türken dabei erwische wie sie darüber klagen, dass die hiesige Wirtschaftsform und Gesellschaftsordnung korrupt sei und Karl Marx doch so recht hatte. Wohl nichtsahnend über die Tatsache, dass sie mit jedem Schluck aus ihrem weißen Papp-Becher, dieses korrupte System unterstützen und am Leben halten, salbadern diese naiven Jungen irgendwas von Revolution und Umsturz.
Die Diskrepanz der theoretischen Kritik und der praktischen Handlung war wahrscheinlich noch nie so extrem wie heute. Der Kritik folgen keine Konsequenzen, die sich in unseren alltäglichen Handlungen niederschlagen. Wir erkennen uns gewissermaßen nicht als Urheber unserer eigenen Handlungen. Es fehlt uns – weiß Gott – nicht an Informationen und Lösungswegen. Dank Handykameras und einem globalen Informationsgeflecht sind wir regelrechte Opfer einer unaufhaltbaren Informationsflut. Posten, uploaden und downloaden. Aus allen Ecken werden wir mit Zahlen, Bildern und Texten bombardiert. Sitzend vor dem Bildschirm unseres Wi-Fi-Fähigen Geräts, protestieren wir lautstark über die Missstände dieser Welt. Dieser Protest ist etappenweise sehr berechtigt, wenn auch nicht immer sachlich.
Vermutlich besitzt momentan jeder von uns mehr Wissen über die weltweiten Geschehnisse als sämtliche Geheimdienste im 19. Jahrhundert. Präzise berechnete Statistiken geben uns einen Einblick, wo und wann, was passieren könnte.
Viel mehr fehlt es am ersten Schritt; an der mutigen Entscheidung, die den trägen Körper aus der Komfortzone in die proaktive Handlung zwingt. Unsere Studenten prangern und plagen, sie klagen über Missstände und drohenden Schwierigkeiten. Während ich geduldig ihren wehleidigen Worten zuhöre kommt mir immerzu der elfte Vers der Suratu ’r-Râd in den Sinn. Allah stellt in diesem Vers eine allgemeine und ganz simple Regel auf: Ändere dich, wenn du die Welt ändern willst!
Manchmal überkommt mich der Gedanke, wir würden förmlich in unseren Startlöchern stehen und warten bis der Abschuss schallt, um dann unsere Fahnen und Plakate auszupacken und unsere Parolen zu schreien. Ist es dann nicht eigentlich zu spät?
Heißt es nicht auch: „Man erntet was man sät!?“ Wahrscheinlich haben wir über all‘ die Jahre mehr Hass und Abneigung gesät als Verständnis. Oder wir schauten zu, wie andere ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, Unrecht säten. Und nun haben wir einen Garten voller Unkraut, doch wir träumen von Rosen. Wir träumen von Gerechtigkeit und Frieden…säen sie aber nicht. Wir sind viel zu sehr damit beschäftig Unkraut zu pflücken und das zu begradigen, was wir die Jahre verpasst haben. Vielleicht fühlen sich so viele deshalb so unglaublich machtlos.
Veränderung ist ein Lebensmotto. Keine einmalige Aktion, sondern ein permanenter Prozess. Ein Hinterfragen jeder Handlungsweise.
Daher sollte die Frage nicht lauten: „Was machen andere falsch?“, sondern vielmehr: „Bin Ich ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems?“