Polemik: Hinter dem Vorhang der Kritik

Getreu dem Zitat Helmut Schmidts „Wer Kritik übel nimmt hat etwas zu verbergen“, wird die gewissermaßen „allergische Reaktion“ der Muslime auf die sogenannte „Islamkritik“ mit einem vernichtenden Resümee bewertet. So argumentiert man in manchen Kreisen: „Muslime seien nicht in der Lage Kritik zu üben und diese zu ertragen“. In der Tat: Es kann durchaus den Anschein erwecken, dass Muslime vereinzelt oder im Kollektiv mit einer harschen Reaktion auf Kritik reagieren.

Ironischerweise mahnt aber das Buch der Muslime, das ihr Leben bestimmen soll, also der Koran, zu einer selbstreflektierenden und kritischen Haltung an. Er fordert die Menschen dazu auf ihre Handlungen im individuellen und im gesellschaftlichen Leben permanent durch eine Art moralischen Filter zu sieben.

In der Erzählung des Gesandten Jonas (as) beispielsweise, wird diese Selbstreflektion und dessen Wichtigkeit deutlich. Als der Gesandte Allahs Jonas (as) Ninua verlässt – in der Hoffnung er könne mit der Botschaft Gottes an einem anderen dort mehr Menschen erreichen als in der Ortschaft, zu der er entsandt wurde – wird er im Rahmen misslicher Umstände von seinem Transportschiff über Bord geworfen. Die Erzählung des Koran erwähnt, dass der Gesandte daraufhin von einem Fisch „geschluckt“ wurde und im Bauch des Fisches eine Zeit verharrte. An diesem dunklen Ort und in der Schwere der Situation, reflektiert Jonas (as) sein Verhalten und erkennt: „O mein Herr ich habe falsch gehandelt (wörtlich: ich habe mir gegenüber unrecht getan)“. Auf ähnliche Weise bereuen auch Adam (as) und Eva (as), die vom verbotenen Baum aßen, ihre Schuld mit den Worten „Unser Herr wir haben gegen uns selbst unrecht getan…“.

Vielleicht ist einer der besten Beispiele zur Lebzeiten des Propheten Muhammad (s) die Schlacht am Berg Uhud. Der Prophet Muhammad (s) befahl seinen Schützen ihre Position nicht zu verlassen bis er ihnen die Erlaubnis erteilen würde. Trotz dieser Anweisung verließen ein Teil der Schützen ihre Posten, da sie davon ausgingen die Schlacht sei gewonnen. Dieser folgenschwere Fehler sollte den Muslimen in dieser Schlacht bittere Verluste kosten. Allah kommentiert diesen Vorfall und die damit einhergehenden Verluste mit den Worten: „Dies ist (geschehen) aufgrund eurer eigenen Handlung…“.

Selbstkritik und die Kritik von außen ist ein Bestandteil des muslimischen Lebens. Denn ohne reflektiertes Denken könnte der Mensch keine Fehler erkennen und folglich (für den gottergebenen Menschen die sehr bedeutende) „aufrichtige Reue“ (at-taubah) nicht empfinden.

Wahrscheinlich wird in der islamischen  Tradition auch aus diesem Grund geraten:

„Ziehe dich zur Rechenschaft, bevor du zur Rechenschaft gezogen wirst!“

Mit Worten im heutigen Sprachgebrauch: Betrachte deine Handlungen mit einem kritischen Auge!

Der gegenwärtige Diskurs um und über den Islam hat jedoch mit dieser Form von konstruktiver Kritik keinerlei Überschneidungen. Genauer: Die Politisierung und Polarisierung auf dem Rücken der Muslime und dem Islam fällt wohl eher in die Kategorie der destrukiven Kritik. Diese beschreibt eine unsachliche, undifferenzierte, polemische und herabwürdigende Weise mit einem Thema umzugehen. In der politischen Arena zeigt sich deutlich, dass die Thematik „Islam“, „Muslime“ und „Scharia vs. Grundgesetz“ lediglich als Köder fungieren, um neue Wählerstimmen am rechten Rand und (mittlerweile auch in der Mitte der Gesellschaft) zu angeln. Augenscheinlich bieten die erwähnten „Headlines“ genug Reibungsfläche und somit Möglichkeiten zur Selbstprofilierung.

Die – zum Teil – allergische Reaktion der Muslime ist somit vor allem der destruktiven Kritik geschuldet und richtet sich nicht gegen „die Konzeption des kritischen Denkens“ oder der „Kritik“ selbst. Eine fundierte und quellenbezogene Kritik an der muslimischen Religionsausübung ist unbedingt notwendig, um eingesessene Denkmuster die keinen Bezug zur eigentlichen Lehre des Islams haben zu überwinden. Dieser Häutungsprozess der Muslime kann nur durch eine ausgewogene Gelehrsamkeit, die innerhalb der muslimischen Reihen hervorgeht, stattfinden. Die naive Annahme medial aufbereitete „Quoten-Show-Talkrunden“ würden zu einem konstruktiven Diskurs über den Islam und die Muslime und daraufhin zu einem nennbaren und nachhaltigen Beitrag leisten, sollte viel mehr in die Welt der Träumerei verbannt werden. Gegenteiliges ist der Fall: durch Polemik unter dem Deckmantel der Kritik, wird ein Selbstschutzreflex ausgelöst. Dieser führt zwangsläufig dazu, dass Muslime nicht durch sachliche Kritik und daraus hervorgehenden Lösungsansätzen an ihren Herausforderungen wachsen, sondern sich zurückziehen und bemüht sind derartige Angriffe zu verteidigen.

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