Radikalisierung- Wer trägt die Verantwortung?

Im „Verein für sozialpädagogische Jugend- und Familienhilfe“, bei der ich gelegentlich im Bereich der Jugendhilfe tätig bin, habe ich vor allem mit sozial und wirtschaftlich schwachen Familien zu tun. Der Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt von Jugendlichen, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit betreut habe, veranlassten mich mir selbst unter anderem folgende Frage zu stellen: „Wenn sich ein Jugendlicher radikalisiert, wer trägt dann die Verantwortung dafür?“

 

In meinen Recherchen bezüglich dieser Frage stoße ich auf den deutsch-US-amerikanischen Psychoanalytiker Erik Erikson. In seinem „Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung“ stellt Erikson schematisch die psychische Entwicklung des Menschen dar.

Erikson stellt die These auf, dass der Mensch im fünften Stadium seiner Entwicklung d.h. im Alter zwischen 12-18 Jahren in der Findungsphase der eigenen Identität sei. In dieser Alterspanne beschäftige sich das Kind vorrangig mit der Frage „Wer bin ich?“, „Was will ich?“ und „Wie passt meine Umwelt zu mir?“. Nicht selten komme es vor, dass die Frage nach dem „Wer bin ich?“, also dem Selbstbild, nicht beantwortet werden könne. Einhergehend mit Enttäuschungen in der Schule, im Freundeskreis und in der eignen Familie, könne dies zur Isolierung führen. Psychologen nennen diesen Vorgang „Zurück­weisung“.

Durch die Isolierung spitze sich die Identitätskrise zu. Zunehmend fühle sich der junge Mensch unverstanden oder nicht ernst genommen. Er empfinde den Lebensstil anderer Menschen als störend und fühle sich in seiner Umgebung immer unwohler. Doch paradoxerweise falle es dem Jugendlichen schwer, den eigentlichen Grund seiner Identitätskrise in Worte zu fassen. Fehle zudem seinem Umfeld das Verständnis dieses Verhalten richtig zu deuten und die Probleme zu analysieren, wirke sein Verhalten für viele sehr eigenartig und asozial.

Durch die Identitätskrise, die Isolierung und Enttäuschung im alltäglichen Leben wird, so Erikson, ein  fruchtbarer Nährboden einer sukzessiven Radikalisierung geschaffen.

Die unsichere Plattform des „World Wide Web“ bietet besonders diesen Jugendlichen die Möglichkeit Fragen und Gedanken zu formulieren. Demagogen  – seien sie religiös, fundamentalistisch oder politisch motiviert –  wissen zu gut, dass Jugendliche öfter „googeln“ als Personen aus Fleisch und Blut um Rat zu fragen. Diesen Umstand nutzen die Demagogen geschickt aus, um gezielt nach genau diesen Jugendlichen Ausschau zu halten.

Durch Videos, Internet-Foren und Blogs nutzen sie die Gunst der Stunde, um ihre ganz eigene Version der Probleme und Lösungen zu präsentieren. Durch einen gemeinsamen Feind errichten sie das Konstrukt eines “Schwarz-Weiß-Weltbildes”. Sie schieben dem erklärten Feind die gesamte Schuld des Elends zu und erklären sich selbst zum Ritter der Gerechtigkeit.

In einfachen und dumpfen Parolen werden die Hauptursachen des Problems formuliert. So ist es „der Ausländer“, der die „Arbeitsplätze wegnimmt“ oder „die schleichende Islamisierung“, „die Übermacht der Ungläubigen“ oder einfach nur „das gesamte System“, die auf der Welt das Unheil herbeiführen.

Für einen jungen Menschen, der seit längerer Zeit in einer Identitätskrise steckt, scheinen diese Schwarz-Weiß-Erklärungen für Politik, Religion, Wirtschaft und Gesellschaft wie eine Erleuchtung. Plötzlich ergibt alles einen Sinn. Die gesamte Komplexität der politischen Vorgänge, der religiösen Texte, des gesellschaftlichen Lebens und der Wirtschaft werden auf ein „Eins-und-Eins-macht-Zwei“ -Niveau heruntergebrochen.

Untermauert man dies mit sagenhaften Verschwörungstheorien mit scheinbar klaren Fakten, so bekommt diese verlogene Ideologie sogar einen vermeintlich investigativen Anstrich. Der Jugendliche meint somit nach jahrelangem Suchen auf das „Kernproblem allen Übels“ gestoßen zu sein und fühlt sich seit Langem wieder verstanden, aufgenommen und wertvoll.

Er dockt an dieses Milieu an, macht sich dort Freunde, ändert seinen Lebensstil, sein Aussehen und nimmt alles an, was in diesem Milieu als „Norm“ betrachtet wird. Er grenzt sich von seinem alten Umfeld ab und beginnt sein Leben nach den vorgegebenen Mustern zu gestalten.

Erst in dieser Phase erkennen Eltern, Lehrer und der alte Freundeskreis, dass der Jugendliche auf dem Weg der Radikalisierung ist und versuchen dies mit aller Macht zu verhindern. Doch diese Vorstellung, dass sie ihn daran hindern könnten, ist falsch. In dieser Phase ist der Jugendliche nämlich bereits radikalisiert!

Nach jahrelanger Zurückweisung und Degradierung lässt der junge Mensch sein altes Leben  hinter sich und beginnt sein „neues Leben“.

Dieses „neue Leben“ verteidigt er mit Händen und Füßen, weil dies für ihn einen hohen ideellen Wert besitzt. Argumente werden nicht gehört und Objektivität ist nicht relevant. Auch Diskussionen führen kaum zu einem Erfolg. Zudem wird in der Deradikalisierung und Prävention nicht nur zu spät, sondern auch am falschen Hebel angesetzt.

 

Die potenzielle Radikalisierung beginnt mit der Identitätsfrage, die sich jeder Mensch stellt. Wird die Frage des „Wer bin ich?“ und „Wohin will ich?“ nicht geklärt, so kann diese Frage sich zu einer Krise entwickeln.

Genau an diesem Punkt müssen Eltern, Lehrer, Freunde, Geschwister, Imame und andere Akteure ansetzten. Spätestens mit dem 12. Lebensjahr muss eine intensive Betreuung von Kindern und Jugendlichen stattfinden. Die Betreuung muss oftmals jahrelang geschehen bis sich Erfolge bemerkbar machen. Überlassen wir unsere Kinder dem Internet und zwielichtigen Demagogen springen diese in die Funktion des „Erziehers“ ein.

Als Solidargemeinschaft, die wir sein wollen, sollten wir deswegen eines vor Augen halten: Wenn Sportler, Hollywood-Stars, Sänger und anderen Menschen des öffentlichen Lebens (von denen wir faktisch keinen Nutzen ziehen) mehr Aufmerksamkeit und Beachtung finden als unsere Kinder, so meinen wir das mit der „Erziehung unserer Jugend“ nicht wirklich ernst. Unser gesamtes Potenzial muss in die Betreuung der Jugend investiert werden! Wir sollten keine Zeit damit vergeuden Extremisten von ihrer eigenen Ignoranz überzeugen zu wollen, sondern ihnen ihre wertvollste Ressource wegnehmen – und zwar den Nachschub ihrer Anhängerschaft – die Jugend.

 

 

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