…und dann macht Sam, My einen Antrag

Wunderbare Ereignisse begegnen uns im Laufe unseres Lebens. Anekdoten von unschätzbarem Wert die uns belehren und bezaubern. Nur zu schade, dass manche in Vergessenheit geraten.

Aus diesem Grund  möchte eine Geschichte aus meinem Leben mit dir teilen. Eine –wie man so schön sagt- „wahre Begebenheit.“

Bevor ich meine Geschichte erzähle muss ich etwas zum Kontext erwähnen:

Neben meinen Verpflichtungen als Student an der theologischen Fakultät in Istanbul versuche ich mich ehrenamtlich an verschiedenen Projekten zu beteiligen. Ein schöner Ausgleich zum alltäglichen, universitären Stress. Besonders ein Projekt hat mich von Beginn an sehr angesprochen. Ein Team von ehrenamtlichen Mitarbeitern einer Stiftung in Istanbul bieten Besuchern der Sultan-Ahmed-Moschee und der Süleymaniye-Moschee auf Englisch und Deutsch kostenlose Führungen an und beantworten Fragen rund um den Islam. Im Grunde ein Dialog Projekt.

Durch meine Erfahrungen in der interkulturellen Begegnung, die ich in Deutschland gesammelt habe, konnte ich die Leitung dieser Stiftung überzeugen in der Süleymaniye-Moschee, einmal wöchentlich, Besucher aus verschiedenen Ländern in der Moschee zu empfangen und ihnen eine Art „Kurze Einführung in den Islam“ zu geben.

Zu diesem Zweck stehen wir in der Moschee oder sitzen ab und an zu zweit oder mit einer Gruppe von Besuchern auf dem weichen mit orientalischen Ornamenten bestickte Teppichboden und unterhalten uns über religiöse und politische Themen.

Die Gespräche sind geistreich und manchmal emotional geladen. Aber um darauf näher einzugehen bedarf es schon an einem weiteren Artikel.

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…und dann macht Sam, My einen Antrag

Istanbul. Es war ein warmer Tag. Die Luft in Istanbul ist gewöhnlich schwül, man könnte meinen Istanbul ist ein kochender Topf voll Nudeln mit einem hermetisch-verriegelten Deckel. Der Aufstieg von der Anlegestelle für Schiffe „Eminönü“ bis zur Süleymaniye-Moschee ist besonders erschwerend an jenem Tag. Außergewöhnlich viele Besucher finden trotz der Hitze zu Mimar Sinan’s Meistwerk. Eine Attraktion ist diese faszinierende Architektur allemal.

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Am Eingang drängeln sich Einheimische und Touristen links und rechts durch den breiten Haupteingang der Moschee. Scheinbar finden die Einheimischen gefallen daran, dass Besucher beim Ausziehen ihrer Schuhe das Gleichgewicht verlieren und ungewollt auf den matt-weißen Marmor  plumpsen.

Durch die große Anzahl an Besuchern hatte ich fünf Stunden lang permanent Gesprächspartner aus den unterschiedlichsten Ländern. Als mein Mund trocken geredet und mein Gehirn nicht mehr aufnahmefähig war, beschloss ich die Heimkehr anzutreten.

Zuvor beobachte ich aus der ferne, wie ein junger Besucher mit kurzen schwarzen Haaren und einem olivgrünen T-Shirt dem Sicherheitsdienst am Eingang der Moschee ein Handy überreicht. Aus der Entfernung kann ich das Gespräch zwischen den beiden nicht hören, deshalb schenkte ich dem keine weitere Beachtung.

Kurz bevor ich die Moschee verlasse sehe ich wie einer der Sicherheitsleute mit einem anderen Besucher dieses Mal ein langer, blonder Kerl mit einer asiatisch-anmutenden jungen Dame an seiner Seite- zu unterhalten versucht. Der Besucher macht einen entsetzten Gesichtsausdruck. Ich nähere mich dem Geschehen, da ich weiß, dass unser Sicherheitsbeamter „Veysel abi“ kein Englisch redet.

Ich übersetze die hastig gewählten Worte des Besuchers:

  – „I just lost my I Phone 6 here. Did you find it? It’s really important! How could we find it?”

Veysel abi daraufhin mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck:

  – „Also du  meinst ein silbernes I Phone?“

Der Besucher daraufhin aufatmend:

  – „Yeah! Yes! Yes!“

Veysel abi:

  – „Oh waja. Schlecht. Wirklich doof jetzt. Ich hatte es…jetzt leider nicht mehr. Der Finder dieses Handys meinte, er habe den Besitzer gefunden. Ich gab es ihm. Er nahm es wieder mit. Jetzt ist er  weg.“

Der Besucher, seine Begleitung und ich waren fassungslos von der Naivität des Sicherheitsbediensteten.

Der Finder des „I Phone“ hatte scheinbar nach der charakterfesten Entscheidung das Handy den Sicherheitsleuten zu überreichen einen Geisteswandel durchlebt; und zwar doch das teure Handy zu behalten. Er gab vor, die Besitzer gefunden zu haben und es ihnen eigenhändig überreichen zu wollen. Dem war nicht so. Er behielt das Handy und verschwand schnurstracks.

Als ich nachhackte wann das geschehen sei, meinte Veysel abi mit einem nach unten geneigten Blick: „Vor 15 Minuten.“

Nun, 15 Minuten sind eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass wir in Istanbul sind und der Dieb in dieser Zeit wirklich überall sein könnte. Es gibt mindestens acht Wege die von der Moschee aus in diverse Richtungen führen.

Der lange, blonde Besucher ist blass im Gesicht, er schwitzt und ist den Tränen nahe. Ich frage ihn wie er heißt, er meinte „I am Sam, this is my girlfriend My [gesprochen: Mi]“ und zeigte auf die Dame neben ihm, die mindestens genauso aufgelöst war wie er selbst.

Beide kommen aus Texas und besuchen zum ersten Mal Istanbul. Sam verrät mir ihre ganzen Bilder, Daten und Erinnerungen seinen auf diesem Handy gespeichert. Ihm ginge es um diese, für ihn wertvollen, Daten. Eine GPS-Ortung würde aus technischen Gründen nicht funktionieren, wenn der Dieb das Wi-Fi nicht aktivieren würde.

In diesem Moment verspüre ich aufrichtiges Mitleid für die Beiden. Ich will helfen, weiß aber zu gut, dass weder die Polizei etwas tun könnte noch ist die Chance den Dieb zu finden realistisch betrachtet eher gering ist, da wir nicht wissen wie der Zeitgenosse genau aussieht.

Auf gut Glück wähle ich einen Weg Richtung „Eminönü“, packe Sam bei der Hand und signalisiere ihm: „We gonna catch this guy!“, wohl wissend ihn wahrscheinlich niemals zu finden. My und Sam sind hoffnungsvoll, ich bin es nicht.

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Eminönü ist ein Ort voll chaotisch-umher-rennender Menschen. Außerdem können wir wohl kaum jeden jungen Kerl behelligen, der schwarze Haare hat und ein olivgrünes T-Shirt trägt.

Auf dem Weg schauen Sam, My und ich links und rechts in die Gassen. Sie suchen aufrichtig nach dem Dieb, ich jedoch suche nach tröstenden Worten, für den Zeitpunkt an dem ich die Beiden verabschiede.

Eine halbe Stunde ist vergangen. Das Wetter macht die Suche zur Tortur. „Was würde Sherlock Holmes wohl in dieser Situation machen?“, frage ich mich ironisch.

Geistesblitz! Ohne zu zögern beschließe ich wieder zu Süleymaniye-Moschee zu schnellen. Dort angekommen bitte ich um die Aufnahmen der Überwachungskamera in der Moschee. „Das ich da nicht früher d’rauf gekommen bin!“, laste ich mir selbst an. Nach ca. 20 Minuten suchen werden wir fündig. Die Überwachungskamera offenbart uns einiges. Der Dieb ist deutlich zu erkennen. Er ist nicht alleine. Mit ihm ist seine Familie. Mutter, Vater und zwei Schwestern, drei Brüder. Durch die auffallend große Familie können wir unsere Suche besser eingrenzen. My schießt mit ihrem Handy einige Fotos von den Aufnahmen der Überwachungskamera um uns auf unserer Suche wichtige Anhaltspunkte zu sichern.

„Wir wissen nun wenigsten wie die aussehen!“, meint Sam zu mir. Doch bremse ich seinen Übermut mit den Worten: „Seit dem Diebstahl ist nunmehr eine Stunde vergangen! Sie könnten über alle Berge sein.“

Mit den Bildern bewaffnet suchen wir vergeblich weitere 45 Minuten. Innerlich bete ich um Erfolg. Doch scheinbar soll es nicht sein.

Im Gedrängel des Hafens biete ich Sam und My an sie zum Essen einzuladen, doch sie meinen ihnen sei der Appetit vergangen. Man sieht ihnen die Enttäuschung an. Wir verabschieden uns, sie bedanken sich bei mir und ich drücke Sam meine Visitenkarte in die Hand mit den Worten: „Falls ihr Hilfe benötigt: Gebt mir bescheid.“

Mit gesenktem Kopf, vertieft in meinen Gedanken setzte ich mich in die Fähre Richtung „Kadiköy“.

Aus dem Fenster schauend merke ich wie mein Handy vibriert. Eine „Unbekannte Nummer“ ruft an. Ich nehme ab. Es ist Sam.

„Hallo. Hallo? Abraham? I am Sam. We found the Phone. I mean we found the familiy…”

Mit einer überglücklichen Stimme schildert er mir folgende unglaubliche Situation:

“Als wir uns verabschiedet haben, nahmen wir die nächste Bahn. Du wirst nicht glauben wer neben uns saß. Die Familie. Ich habe mich zu ihnen gedreht und meinte: Ihr habt unser Handy. Ohne zu zögern gaben sie das Handy wieder zurück…“  (Verbindung abgebrochen)

Ich versuche ihn zu erreichen, doch bricht die Verbindung permanent ab.

Am nächsten Tag erhalte ich folgende Mail von Sam:

Unbenannt

 

„Hey Ibrahim,

wir sind so glücklich das Handy gefunden zu haben. Du wurdest von Gott geschickt. Danke für all die Hilfe.

Es war so wichtig für mich, denn ich wollte heute Abend meine Freundin My um die Hand anhalten und sie sollte sich sich nicht um das Handy sorgen machen.

Nachdem wir ihr Handy gefunden haben, gingen wir zu einem romantischen Dinner und fragte sie anschließend ob sie mich heiraten will. Nun haben wir vor zu heiraten.

Danke vielmals, dass du unseren Tag gerettet hast. Was du für uns getan hast bedeutet uns so viel. Die Welt ist ein besserer Ort, weil es Menschen gibt wie dich.

Danke

Sam und My“

Und am Ende macht Sam, My doch tatsächlich einen Heiratsantrag. Unglaublich.

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