Rede vom 12.07.2015
„Ich beginne mit dem Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Alles Lob gebührt Gott, dem Schöpfer und Versorger seiner Geschöpfe.
Geehrter Herr Pfarrer Keller, liebe Gemeinde der Stadtkirche,
für mich als Vertreter einer muslimischen Gemeinde in Karlsruhe und aktives Mitglied des Deutschsprachigen Muslimkreises Karlsruhe ist es eine Ehre und gleichzeitig eine große Verantwortung an diesem Sonntag, am Tag des Gottesdienstes für Christen, im Hause Gottes zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Und ja, ich sage bewusst, „im Hause Gottes“. Denn im Koran, der – so wie wir Muslime der Überzeugung sind, der letzten Offenbarung Gottes an den Menschen, herabgesandt an den Propheten Mohammed, Frieden und Segen seinen auf ihm- nennt Gott die Orte und Häuser zu denen sich die Menschen versammeln, um Ihm zu Gedenken: „Häuser Gottes“.
So ist es auch die Pflicht der Muslime, Synagogen, Kirchen und Moscheen zu respektieren und achten.1
Auch wissen wir, dass der Prophet Mohammed –Frieden und Segen seinen auf ihm- in der Stadt Medina einer Gruppe von Christen erlaubte ihre Messe in der Propheten-Moschee abzuhalten.
Und weil die Moschee und die Kirche Orte des Friedens und der Besinnung sind, grüße ich Sie mit dem islamischen Friedensgruß- „Assalamu Alaikum“ „Der Friede sei mit Ihnen!“2
Die Geschichte des Gesandten Josef auf arabisch „Yusuf“, wird auch im Koran erwähnt. Im 12. Kapitel, die den Namen „Surat Yusuf“ trägt, beginnt Gott die Geschichte Josefs mit folgenden Worten:
„Und Wir erzählen euch die schönsten der Geschichten“. (12:3)
Die Schönheit dieser Geschichte liegt in ihren tiefgründigen Lehren und der großen Motivation für den Menschen.
Sie lehrt uns wie Rivalität und Neid unter Geschwistern zu falschen Handlung führen kann. Josef musste dies am eigenen Leib spüren. Durch eine List seiner Brüder wird der junge Josef in einen Brunnen geworfen. Seine Brüder belügen ihren Vater Jakob. Sie sagen: Josef sei von einem Wolf gerissen worden.
Gott verdeutlicht, dass ein rechtschaffener Vater, wie es der Gesandte Jakob ist, durch seine Kinder geprüft wurde. Und auch Jakob musste schwierige Familienverhältnisse durchleben. So erkennen wir: Probleme in der Familie sind eine Prüfung Gottes.
Sie ist die Lehre über die Standhaftigkeit Josefs, der trotz seines jungen Alters in einer scheinbar ausweglosen Lage Gottvertrauen beweist. So sitzt er ganz alleine im tiefen dunklen Brunnen. Mit der Gnade Gottes wird er durch eine vorbeiziehende Karawane aus diesem Brunnen befreit. Im Laufe der seiner Lebensgeschichte, lesen wir, dass Gott ihn permanent begleitet und sein Helfer ist – so wie Gott der permanente Begleiter jedes Menschen auf dieser Erde ist.
Sie ist die Lehre über die Weisheit und Intelligenz. Josef war in der Lage Träume richtig zu deuten und daraus richtige Schlüsse zu ziehen.
Gott sagt im Koran: „Und als er (Josef) das volle Mannesalter erreichte, gaben wir Josef die Fähigkeit richtig zu urteilen (Weisheit) und Wissen; denn so belohnen wir jene die Gutes tun“ (12:22)
Weisheit und Wissen sind zwei entscheidende Eigenschaften, die der Mensch auf der Reise seines Lebens benötigt. Weder Weisheit – also die Fähigkeit richtige Schlüsse zu ziehen- noch Wissen kann man erkaufen. Sie sind Gaben. Sie sind Geschenke Gottes für den rechtschaffenen Menschen.
Im Koran wird auch jene Frau erwähnt, die Josef dazu drängte Unzucht zu begehen. Doch er weigerte sich Josef mit allen Mitteln, die Grenzen Gottes zu übertreten.
Sie ist die Lehre über die Geduld die sein edler Vater Jakob bewies und die Hoffnung nicht aufgab als sein Sohn verschwunden war.
Gott beschreibt im Koran Jakobs Geduld mit den Worten: „Fa sabrun Dschamîl“- „Eine schöne Geduld“ (12:18)
Sabrun Dschamîl ist das geduldige Ertragen ohne sich zu beschweren. Es ist die hoffnungsvolle Geduld. Es ist die höchste Form der Standhaftigkeit.
Als Josef nach vielen Jahren zu seinem Vater zurückkehrte und seine Brüder sah, befürchteten die Brüder das Schlimmste. Denn schließlich waren sie es, die ihn damals in den Brunnen warfen und ihren Vater belogen.
Die Reaktion Josefs auf seine Brüder beweist die Klugheit und die Weisheit, die er besaß.
Mit den Worten Gottes im arabischen Original:
قَالَ لَا تَثۡرِيبَ عَلَيۡكُمُ ٱلۡيَوۡمَۖ يَغۡفِرُ ٱللَّهُ لَكُمۡۖ وَهُوَ أَرۡحَمُ ٱلرَّٲحِمِينَ
(12:92)
„Er sagte: Kein Tadel soll heute gegen euch vorgebracht werden. Möge Gott euch eure Sünden vergeben: Denn Er ist der Barmherzigste der Barmherzigen.“
Mit diesen Worten entgegnete auch der Prophet Mohammed -Frieden und Segen seinen auf ihn- bei der friedlichen Einnahme Mekkas die Polytheisten in Mekka, die ihn und seine Gefährten 20 Jahre lang bedrängt, verfolgt, vertrieben und einen Teil seiner Gefährten gefoltert und getötet hatten.
Josefs Worte „ Kein Tadel soll heute gegen euch vorgebracht werden“, ist ein Ausdruck der Vergebung und somit die Grundlage für ein Miteinander für das Zusammenleben unter den Menschen.
Liebe Gemeinde, das Miteinander kann nur dann stattfinden, wenn wir eine gemeinsame Grundlage, ein Fundament bilden. Gemeinsame Werte und Prinzipien sollten die Grundlage für unser Zusammenleben sein. Nächstenliebe, Gottvertrauen, Standhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Barmherzigkeit: Dies sind unsere Gemeinsamkeiten.
Konzentriert auf diese Prinzipien, die wir gemeinsam verinnerlicht haben, müssen wir universelle Mammutaufgaben wie den Hunger, die ungleiche Verteilung der Ressourcen, Krieg, Leid und Folter den Kampf ansagen.
Schaffen wir eine Grundlage gemeinsamer Werte, so können wir auch gerne in einem angemessenen Ton und in einer schönen Weise über Unterschiede sprechen und diskutieren. Denn auch diese sind Realität. Es gibt Unterschiede und wir sollten darüber reden und dann auch aufrichtig genug zu sein um das, was wir als „Wahrheit“ erkannt hat, anzunehmen oder die Meinung des anderen dann zu tolerieren, also zu „ertragen“.
Kommt es jedoch zu Ungerechtigkeit und Vergehen durch eine Seite, sollten wir dem Beispiel Josefs folgen und die Stärke besitzen zu sagen: لَا تَثۡرِيبَ عَلَيۡكُمُ ٱلۡيَوۡمَ
Ich habe dir vergeben. Lass uns eine neue Seite beginnen!
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1 (22:40) hierzu kommentiert M.Hamdi Yazır, Hak Dini Kur’an Dili, I/393 und Hayreddin Karaman vd., Kur’an Yolu Türkçe Meal ve Tefsir, Ankara,2006, I/193-4
2 „O ihr, die ihr glaubt, betretet keine anderen Wohnungen als die euren, bevor ihr nicht um Erlaubnis gebeten und ihre Bewohner gegrüßt habt. Das ist besser für euch, wenn ihr euch ermahnen laßt.“ (24:27)
