24. April 2013. Vor gut einem Jahr im Industriegebiet in Savar, nahe der bengalischen Hauptstadt Dhaka stürzt ein Fabrikhochhaus in sich zusammen. Das achtstöckige Gebäude vergräbt mehrere hundert Fabrikarbeiter unter sich.
Die Bilder des Unglücks erinnern an eine Kriegsszene: Betonteile sind übereinander gestapelt und rostige Stahlträger ragen in die Luft. Die erschütternde Bilanz dieser Tragödie sind mehr als 1000 Tote und rund 2400 Verletzte. 1000 Menschen, überwiegend Frauen, die von Betonteilen erschlagen oder in den Trümmern erstickt sind.
Frauen und Kinder, die für uns eine vielfältige Auswahl an T-Shirts und Hemden nähten. Mode des 21. Jahrhunderts – hergestellt unter Bedingungen des 19. Jahrhunderts.
Auf der Suche nach billigen Herstellungskosten zogen westliche Modeketten von China nach Bangladesch. Die Gier nach hoher Rendite gibt Fairness und Menschenwürde keine Priorität.
Klar, es ist leicht mit ausgestrecktem Zeigefinger die Schuld großen Kaufhausketten wie H&M oder C&A zuzuweisen. Das wäre auch nicht falsch, denn schließlich sind diese Firmen die Auftraggeber und verantwortlich für die Überwachung der Arbeitsbedingungen der Arbeitsprozesse.
Nur wäre dieser Gedanke nicht zu Ende gedacht!
Als Endverbraucher müssen wir uns die unangenehme Frage stellen: Wie sehr bin ICH mitverantwortlich?
Das Beispiel Bangladesch und der Textilindustrie ist nur ein Fall. Vom Kaffee über Schokolade bis zu Importfrüchten: Die wenigsten Produkte im Supermarkt und in Modeketten werden unter gerechten Bedingungen gehandelt. Mittlerweile ist es kein Geheimnis oder Verschwörungstheorie, dass wir in Deutschland, in Europa, im Grunde in der westlichen Hemisphäre ein Teil unseres Reichtums durch die Ausbeutung sogenannter „Dritter-Welt-Länder“ erlangt haben.
Die Handelsphilosophie „billig herstellen und teuer verkaufen“ wird kaum beim Großteil der westlichen Bevölkerung durch einen ethisch-moralischen Aspekt gesehen. Wirtschaft und Wachstum scheinen bewusst oder unbewusst unsere Götter zu sein und somit sakrosankt. Die Forderung faire Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen sind zwar in aller Munde, aber die Umsetzung interessiert nur eine Minderheit.
Genau dies ist die hässliche Fratze unseres kapitalistischen Systems. Die Unantastbarkeit des Gewinns und der „wirtschaftlichen Stabilität“.
Unser Staat ist zwar ein Sozialstaat, aber unser Konsum, das auf den Kapitalismus basiert, fordert Opfer und moderne Sklaven in anderen Teilen der Welt. Wir alle haben Sklaven. Sklaven, die wir nicht sehen. Nur wenn ab und an ein Fabrikgebäude einstürzt, sehen wir die Leichen unserer Sklaven – in einem kurzen Bericht in der ARD-Tagesschau. Wir sind aber glücklicherweise vorbereitet. Abgestumpft. Unsere Seelen, kalt wie die Luft in der Antarktis. Massenmedien, Killerspiele und Actionfilme haben uns erzogen nicht bei Leichen und Gemetzel zu überreagieren oder gar Mitleid zu empfinden. Wir sehen täglich Blut, Tod und Leid. Wir haben uns damit abgefunden. Alles nimmt einen gewohnten Lauf.
Wenn wir Verantwortung für unsere Mitmenschen empfinden würden und uns gegen Ausbeutung stark machen würden, so führte dies ja zu einem Boykott dieses „Wirtschaftssystem“! Wir würden uns regelrecht davor „ekeln“ diese Produkte zu konsumieren. Wir würden das Blut an unseren Hemden sehen. Es würde uns zuwider sein auch nur einen Gedanken zu verschwenden diese Produkte zu kaufen.
Aber nein. Alles läuft so wie es laufen soll. Wir konsumieren in unglaublichen Massen. Werfen einen Drittel unserer Lebensmittel in den Müll und beschweren uns lautstark, wenn der Milchpreis um 10 Cent steigt.
Die Krankheit ist nicht der Wirtschaftssystem. Krank sind nicht die Firmen. Krank sind im Grunde die Konsumenten, die dieses System am Funktionieren halten. Der bewusste Einkauf dieser Produkte macht uns mitschuldig, macht uns zu Tätern.
Kapitalismus ist die Diagnose, Gier der Erreger und die überwiegende Mehrheit ist befallen. Vom Produzenten bis zum Konsumenten.
Billig und in Massen. Schnell und exotisch. Schön verpackt, mit Rückgabe-Garantie. Das sind unsere Entscheidungskriterien. Danach kaufen wir, auf diese Aspekten fixiert konsumieren wir.
Doch wollen wir Veränderung? Das schaffen wir nur gemeinsam und als Masse!
Wie kann jeder einzelne Veränderung in diesem Bereich bewirken?
Zuerst ist es wichtig die Problematik zu verstehen und seine Umgebung auf diese darauf aufmerksam zu machen.
Als nächstes ist eine kurze Recherche von Nöten. Woher stammen die Produkte aus Supermarkt und den diversen Läden? Wie wurden sie gehandelt? Und kauft so nach den Kriterien: „Faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und gerechte Arbeitszeiten“, ein.
Empfehlenswert sind lokale Produkte, also Produkte die im Inland zu landesüblichen Konditionen hergestellt werden.
Es ist wichtig im Allgemeinen weniger zu konsumieren und auch nur so viel, wie für einen normalen Lebensstandard benötigt wird.
Dann gewöhnt man sich daran monatlich eine bestimmte Summe in Länder zu spenden, in denen nachhaltige Aufbauprojekte laufen.
Als Letztes boykottiert man konsequent Modeketten und Produkte, die die oben genannten Kriterien nicht erfüllen.
Weder unser Lebensstandard, noch unsere Lebensqualität sinkt durch die Beachtung dieser Punkte! Doch der Effekt wäre enorm. Es wäre eine selbstlose Tat, aus moralischer und religiöser Verantwortung anderen Menschen gegenüber.
Und umso genauer wir unsere Taten nach moralischen und religiösen Gesichtspunkten abwägen, desto stärker werden wir als Individuen. Starke Individuen bilden starke Familien. Starke Familien sind die Grundlage einer starken und gerechten Gesellschaft.
