Kairo. Sechs Stunden arabische Grammatik. Wie es scheint kennen ägyptische Lehrer keine Pausen. Vor meinem Auge fliegen wahllos Buchstaben durch den Raum. Langsam beginnen auch Gegenstände in meiner Wohnung, die Formen der Buchstaben anzunehmen. Die Türklinke sieht aus, wie ein umgekehrtes و „wow“, die Obstschüssel, wie ein ب „ba“ und mein Lehrer sieht von der Seite betrachtet aus wie ein ع „ain“. Ich brauche einen Tee!
Zu meinem Glück, ist mein Mitbewohner Bruder Cavit aus Hamburg ein leidenschaftlicher „Teetrinker“. Er hat aus diesem Grund von zu Hause eine kleine Teekanne mitgebracht. Bruder Cavit trinkt seinen Tee stets mit zwei Löffel Zucker.
„Komm’ nach draußen!“, ruft er mir zu, „lass uns den Rest des Tages entspannen und Tee trinken“, sagt er. Ich fasse an den warmen Griff der Teekanne und trage sie vorsichtig nach draußen, setzte mich neben Cavit und schenke ihm schwarzen Tee ein. Eine ganze Weile schweigen wir uns an. Nach einer Weile nachdenklichem Schweigen merke ich, wie der philosophische Ibrahim erwacht. Dieses Mal, veranlasst mich Cavit’s Teekanne dazu, tief über das Leben nachzudenken.
Wie die Teekanne, hat der Mensch einen genauen Zweck. Entscheiden dabei ist, was sich in der Kanne befindet und wie lange sein inneres schon kocht. Die Kanne ist der Mensch und der Tee sind die Gedanken. Der Tee ist ein Produkt beeinflusst von äußeren Faktoren, wie Hitze, Kochzeit und Qualität des Tees. Die verschiedensten Teesorten, sind die unterschiedlichen Vorstellungen über den Sinn des Lebens. Gesellschaft, Religion und Bildung beeinflussen unser Denken. Manchmal schmecken die Gedanken bitter, vielleicht, weil sie zu lange gezogen haben oder die Person, die die Gedanken konsumiert sehr empfindlich ist. Manchmal haben die Gedanken keinen eigenen Geschmack, schmecken neutral, dies kann daran liegen, dass die Gedanken noch ein wenig kochen müssen.
Und so bin ich eine Kanne, meine Gedanken der Tee.
„Darf ich dir einen Tee anbieten?“
